Eröffnungsrede

Vorwort und Eröffnungsrede von Irina Wistoff

Diese Ausstellung birgt eine seltene Gelegenheit: Vier Künstler, die in einer Region leben und arbeiten, jedoch weit über das Regionale hinaus Bekanntheit erlangt haben, zeigen zum ersten Mal gemeinsam endlich vor Ort ihre Werke! So entstehen sowohl thematische als auch künstlerische Korrespondenzen und Kombinationen, die bisher unmöglich waren.

„Rätsel Mensch“ lautet der mit Bedacht gewählte Titel dieser Ausstellung.  Um sich der Lösung anzunähern braucht es den Blick aus verschiedenen Perspektiven: Naheliegend kommen mir die Wissenschaften wie Biologie, Psychologie, Ethik, Theologie etc. in den Sinn. Seit ihrer Entstehung ist es ihr Ziel, den Menschen in jeder Hinsicht zu ergründen. Der niederländische Philosoph Spinoza (17. Jhdt.) merkte an:

„Ich habe mich sorgsam gehütet, die Handlungen des Menschen zu belachen oder zu beklagen und zu verwünschen, sondern strebte nur, sie zu verstehen.“ Dies ist auch ein Antrieb der Kunst: Ihr ist es gegeben, Disziplinen und Gegensätze zu verbinden. Sie kann Ansichten auf einen Blick verändern, neue Sichtweisen eröffnen. So kann es gelingen, der Entwirrung des unlösbar erscheinenden „Rätsels Mensch“ näherzukommen.

Oskar Berner, Ekkehard Drefke, Andreas Noßmann und Ziggy Szalla verbindet das Bekenntnis zu Realismus und Figuration. Aus ihrer jeweils ureigenen Perspektive und in ihrer von höchster Sicherheit geprägten künstlerischen Handschriften zeigen sie ihre Wahrnehmungen abseits der Norm: Unser Alltag ist oft geprägt von einem festen Gerüst aus durch Arbeit und Sozialleben geprägten Routinen. Beziehungen mit Menschen leiden meist auch darunter. Lediglich oberflächlich nehmen wir sie noch wahr. Doch gibt es Momente, Begegnungen, die sich aus dem Alltag herausheben. Sie bergen in sich etwas, das abweicht von der Norm. Im wahrsten Sinne des Wortes etwas „Merk-Würdiges“.        

„Denn es gibt kein besseres Mittel, die Wahrnehmung zu steigern, als die Kunst.“ Dieses Zitat des 2009 verstorbenen Kunstwissenschaftlers Bockemühl verdeutlicht eine gemeinsame Kernaussage der Künstler dieser Ausstellung: Sie machen das „Merkwürdige“ sichtbar. Gegen die beliebige Masse der visuellen Reize, der ich  jeden Tag ausgesetzt bin, setzen sie präzise grafische oder malerische Statements. Sie schaffen Sehenswertes.

Ich werde aufmerksam, nehme wahr, meine Sinne werden geweckt. Mein Gefühl und Verstand fühlen sich angesprochen, werden in einen Dialog mit dem Werk verwickelt. Manchmal endet das in Verstehen. Meist bleibt jedoch das „Rätsel Mensch“ ungelöst.

Ziggy Szalla zeigt mit „Der Überdruss“ ein gesellschaftskritisches Stück Malerei, die mich zunächst schmunzeln lässt über das seltsame Königspaar, dass sich anscheinend bei Kaffee und Zigarette die Zeit vertreibt. Das Lächeln gefriert mir im Gesicht als ich wahrnehme, welch perfides Spiel sie dort treiben. Auf dem Spieltisch vor ihnen quälen sie gelangweilt und teilnahmslos kleine menschliche Gestalten, die sich noch entsetzt wehren oder schon „aus dem Spiel“ sind. Spielt die Künstlerin mit dem feisten König auf die Machthaber dieser Welt an, für die wir nur namenlose Masse sind oder auf die menschliche Hybris, der ich als vollkommen wohlstandsübersättigtes Gesellschaftsmitglied bereits erlegen bin?

Bei der Betrachtung ihrer vielfältigen Werke bemerke ich die Mühelosigkeit, mit der die Künstlerin den – nur scheinbaren Gegensatz –  von Ästhetik und inhaltlich-thematischen Abgründen in ihren Werken vereint. Sogar im zutiefst verstörenden „The bird“ erkenne ich Schönheit in der Reinheit der Farben, den sanften Linien der Landschaft. Vielleicht ist es diese Kombination von empfundenen Gegensätzen, die mich genau hinschauen lassen, meine Wahrnehmung erhöhen, für Konzentration sorgt: Sowohl bei mir wie auch im Ausdruck des Werkes selbst. Sigrid Szalla ist eine Grenzgängerin, die in ihre dramatischen Inszenierungen zwischen Groteske und Gesellschaftskritik einlädt. Und dieser Einladung folge ich gern. Ungeachtet der Konsequenzen.

Oskar Berner  beobachtet Menschen ebenso neugierig wie präzise. Dies ermöglicht ihm auf der Basis seiner herausragenden malerischen Fähigkeiten, die schließlich rein instinktiv-emotionale Formulierung seiner inneren Bilder auf der Projektionsfläche des Malgrundes. Er schildert in seinen gesuchten Werken innere Dämonen, Ängste und Wahrnehmungen seiner Welt in äußerster Eindringlichkeit. Ich erspüre bei der Betrachtung sein Ringen um Distanz, welches letztlich doch weitaus intensivere Nähe schafft. Ihm ist es gegeben, die gesamte Bandbreite menschlicher Befindlichkeiten und Situationen mit kaum fassbarer Sicherheit unmissverständlich genau malerisch zu schildern. Dies gelingt ihm durch die fotografisch genaue Darstellung feinster Physiognomien. Sie brennen sich ein in Farbe, Ausdruck und Blick. Sie bleiben.

Instinkt  ist ein Stichwort, was mir bei der ersten Betrachtung des Werkes „Dich mag dich nicht“ in den Sinn kommt. Hinter einem roséfarbenen Schleier aus spitzenbesetzter Wohlerzogenheit verberge ich meine wahren Instinkte, die mir zum Gegenteil raten. Eine herausragende Eigenschaft des Menschen in der Gesellschaft ist es, seine Gefühle und Instinkte zu unterdrücken, sie bewusst zu steuern. So kann ein friedliches Miteinander möglich werden.

Instinkt kann aber auch heißen, einen anderen Menschen, eine Begegnung oder Situation unbewußt aus dem in unseren Genen und Wesen „abgespeicherten“ Erfahrungen vergangener Generationen heraus zu beurteilen.  Eine solche Instinktive Reaktion ist immer mit starker Körperlichkeit verknüpft, meine Sinne sind geschärft, Adrenalin schießt in mein Blut und ich werde – wie es umgangssprachlich so bildhaft heisst – „zum Tier“. Die emotionale Zerrissenheit zwischen Erziehung und Instinkt, zwischen reiner Körperlichkeit und der Beherrschung der Gefühle hat Oskar Berner malerisch perfekt inszeniert. Dieses Bild wird mich noch lange in meinem Kopf begleiten.

Ekkehard Drefke stellt in seiner Kunst den Menschen stets in den Mittelpunkt. Inspiriert durch die europäische Kunstgeschichte, Literatur und humanistische Bildung zitiert er in seinem umfangreichen Werk Bildvokabeln der Klassik, des Tanzes und der Filmgeschichte lebensbejahend und doch kritisch hinterfragend. Vor allem die Ergründung der zeitlosen Themen des menschlichen Seins wie Liebe, Tod, Gewalt und Gefühl stehen im Zentrum seines Schaffens: „Conditio Humana“. Es gelingt ihm in Drefkescher Art, einer klaren, farbintensiven und doch fast schwebend leichten Bildsprache,  zu diesen existenziellen – und daher oft Angst einflößenden – Aspekten eines Menschenlebens emotionalen Zugang zu schaffen. Indem er mich Zeitgenossen begegnen lässt, fühle ich mich als Betrachter in vertraut anmutender Gesellschaft. So kann ich mich sowohl emotional als auch intellektuell einlassen auf das Werk und seinen Inhalt, der sich oft erst nach und nach im Detail erschließt.

Es gelingt dem Maler jedoch innerhalb eines „Augen-Blicks“ eine große persönliche Nähe zwischen mir und dem Werk zu schaffen. Indem er mich eine intime Situation der Selbstergründung Auge in Auge mit der Person im Bild erleben lässt. Die heiter-melancholische Stimmung des Werkes überträgt sich instinktiv. Im Nachgang erklärt durch widersprüchliche Symbolik: Einem verhangenen Spiegel, Zeichen der Trauer und des Todes, stehen die das „blühende Leben“ darstellenden Blumen, die jugendliche Schönheit der Frau entgegen. Ihr „Augen-Blick“ ist es, der mich ins Bild zieht. Gemeinsam suchen wir nach dem Selbst und dessen Erkenntnis. Ekkehard Drefke beschenkt mich mit dem Erleben eines seltenen Moments der Vertrautheit mit einer Fremden.

Andreas Noßmann verbindet in seinen außergewöhnlichen Zeichnungen stilistisch und thematisch Klassik mit Moderne. Dabei schlägt sich eine enorme Themenbandbreite im reichen Umfang des Schaffens nieder. Ausdrucksstarke Portraits, phantastische Landschaften und die stetige Auseinandersetzung mit der Gesellschaft sowohl in historischer, ethisch-religiöser als auch politisch- kultureller Hinsicht bilden verschiedene Werkzyklen.  Nicht erst seit Goyas Zeit haben die Randzonen der menschlichen Existenz eine enorme Anziehungskraft auf die Kunst, da sie schonungslos entlarvend den realen Zustand unserer Gesellschaft offen legen.

In unverwechselbarer Mischung aus virtuoser zeichnerischer Wucht und inhaltlicher Tiefe bis in das winzigste Detail packt mich der Künstler und reißt mich fast ins Bild: Die volle Körperlichkeit seiner so vitalen Figuren, die oft karikieren aber immer berühren, führt mitten in die Abgründe menschlichen Seins und Handelns.

„1812 – Europa, Traum und Trauma“ zeigt dies eindrücklich. Mit zurückhaltender Farbigkeit pointiert Noßmann den ereignisreichen Weg in den menschlichen Abgrund, der mit der französischen Revolution begonnen hat und nicht mit dem zweiten Weltkrieg endet. Stets auf dem schmalen Grad zwischen Tragik und Lächerlichkeit balancierend konfrontiert mich der Künstler mit den Beteiligten der Geschichte dieser Zeit: Während die marschierenden Massen bereits in der Ferne von der Landkarte Europas verschwinden erlebe ich noch die Mischung aus Pathos, Gier und Hybris des Herrschers, dem sicheren Tod und dem verzweifelten Festhalten am prallen Leben Einzelner ganz aus der Nähe. Durch provokante Details zum genauen Entdecken verleitet, erschließt sich mir nach und nach die gesamte Dimension des Werkes. Es gelingt Andreas Noßmann – ohne zu moralisieren –  ein Erkennen und Verstehen der Mechanismen des Krieges, der europäischen Geschichte und deren Entwicklung zu begründen.

Vom Auge unter die Haut in mein Hirn bahnen sich die Werke dieser Ausstellung ihren Weg. Jedes dieser Werke fordert mich als Betrachter ganz. Die allen vier Künstlern eigene Liebe zum Menschen mit Körper, Geist und Seele unter Einbeziehung auch seiner dunkelsten Seiten und ihre gemeinsame Neugierde, das „Rätsel Mensch“ zu ergründen, ebnen diesen Weg. Ihnen bleibt „nichts Menschliches fremd“. Schonungslos ehrlich aber nicht ohne  Humor und Zuneigung eröffnen sie mir aus ihren individuellen Perspektiven und Motivationen heraus neue Einsichten und Blickwinkel.

In einer Zeit voller Krisen und Sinnentleerung empfange ich ein seltenes Geschenk durch diese gelungene Ausstellung, denn: „Einem Menschen seinen Schatten gegenüberstellen heißt zugleich, ihm auch sein Licht zu zeigen.“ (C.G. Jung) Dies ist den ausstellenden Künstlern auf ihre jeweils ganz individuelle Weise und doch auch in Gemeinsamkeit gelungen.

Irina Wistoff                                                                                                             1.5.2013

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