Lesung mit Harald Gröhler

Gröhler liest 2

Wie man schon der Seite Störtebeker unter “Illustrationen” entnehmen kann, begleite ich seit 1973 das literarische Schreiben und Veröffentlichen des Schriftstellers Harald Gröhler, habe deswegen immer wieder Illustrationen für seine Arbeiten angefertigt und dabei eine große Bereicherung im gemeinsamen Gespräch über diese Zusammenar-beit erfahren. Das sollte u.a. die Lesung zur Finissage zum wiederholten Mal bekräfti-gen. Ähnlich wie bei den Künstlern und nicht zufällig ist auch bei Harald Gröhler das Interesse am Menschen so groß, dass er immer wieder Figuren erfindet, wie in der Einladung von ihm angekündigt(s. Ausstellungsgalerien), die auch etwas Rätselhaftes haben. Für mich selbst ist der gemeinsame biografische Lyrikband „Ville“ auch voll solcher seltsamen Bezüge, z.B. zwischen den Menschen der jeweiligen Gegenwart und ihrem Bezug zur römischen Vergangenheit, unserer gemeinsamen abendländischen Geschichte.

Um den Schriftsteller Harald Gröhler, heute zu seinem 75. Geburtstag einmal spefischer vorzustellen, veröffentliche ich hier seinen lyrischen Text zum Inge-Czernik-Wettbewerb, bei dem er 2010 den ersten Preis erhielt, einen konzeptuellen Text zu seiner Lyrik und eine Würdigung seiner Arbeit von Peter Rühmkorf. Mehr noch als bei der Musik, die man sehr hautnah auch im Nachhinein zugänglich machen kann, ist bei Lesungen der Text wichtig, den man –  vor allem bei derartig verdichteten Arbeiten, wie sie experimentelle Lyrik bietet – vor Augen haben sollte. Das wurde mir wieder in der Veranstaltung bewusst, die ich zwar auch gefilmt habe, aber immer noch den Bedarf hatte, den präzisen Text vor Augen zu haben. Deswegen sind ja Gepflogenheiten von Lesungen ohne diese Text-Präsenz nicht sinnlos, weil sie in der Regel anregen zum Gespräch oder Kauf der Veröffentlichung. Im resumierenden Film und hier war ich jedenfalls froh, den Text aus „Wortheimat“ zur Verfügung zu haben.

Hier jetzt das preisgekrönte Gedicht:

Czernik-Preis-Text

Ein persönliches Statement zu seinen Gedichten:

Ich habe das Gedicht – die Gattung Gedicht – als etwas kennen gelernt, das allen Systemen, die es einfangen möchten, Widerstand leistet. Das ist auch für mich bei meinen eigenen Gedichten so.
Allen Systemen Widerstand zu bieten’: … und manchmal kann das geradezu die Funktion der Gedichte sein. Allen Systemen Widerstand zu bieten, das impliziert: Gedichte-Schreiben ist für mich Herstellung von Freiheit. Das Gedicht (und das heißt auch das Lesen / Hören eines Gedichts) bietet eine Rolle der Freiheit an. Daraus wiederum ergibt sich für mich (oft, nicht immer): Ein Effekt, eine Wirkung des Gedichteschreibens und des Gedichts ist, einen Kontakt herzustellen, der nicht historisch ist und der nicht gesellschaftlich ist. (Die Kommunisten stehen hier kopf)
Die Bauart meiner Gedichte leitet sich aus dem Wissen ab, dass eine wie auch immer geartete „einfache Wahrheit“ heute nicht zu haben ist.
Die Gedichttexte „mäandrieren“ oft. Sie steuern dann inhaltlich nicht schnurstracks auf ein Ziel oder auf ein Ende zu, sondern sie nehmen vieles mit auf. Solche Gedichte sind nicht mehr monothematisch, sondern polythematisch, sie sind „überdeterminiert“. Themen, die vom Autor aufgegriffen werden, können alsbald wieder verschwinden. Aussagen können sich überlagern.
Absichtlich schließe ich im Gedicht manchmal kurz. Dies, wenn ich Inhalte aufeinander beziehe, die normalerweise nicht (oder nur mit mancherlei Zwischenschritten) als zu-sammengehörig erlebt werden –. Und manchmal kann ich erst so das Allzu-Selbstverständliche aus seiner Region des Schweigens, des Unsichtbar-Gewordenen und der Nichtbeachtung hervorholen.
Ich sehe solche Vorgehensweisen immer auch als eine Chance an, die sich speziell dem Poeten bietet – und die er nutzen sollte –; dem Poeten deutlich im Unterschied zum Wis-senschaftler. Oder im Unterschied zum Journalisten.
Worüber will ich schreiben? Über die Unwägbarkeiten zwischen Tat und Gedanken; zwischen dem Gedanken und aller Materialität. Über die Unvereinbarkeiten zwischen Wachzuständen und dem Traum; und weiter: über den Zwischenraum zwischen der Kindheit und der Jetztzeit. Über das Niemandsland zwischen Gesundheit und Tod. Manchmal auch noch über die Imponderabilien zwischen kollektiv gewordener Mythe und einer jeweils individuellen Realität.

(s. die Textprobe dazu und weitere Informationen zum Schriftsteller auf der Internetseite der Dichtergruppe „Die Plesse“, eine der vielen Schriftstellergruppen, denen Harald Gröhler angehört.)

Hier die Würdigung von Peter Rühmkorf aus Kultura extra, Das online-magazin, 3. Folge von Arnd Moritz

Harald Gröhler. Lyriker

… Da liegt deine zarte Kraft, gar wo es etwas Verwunschenes und Verwundernswertes teils zu entblättern, teils zuzudecken gibt. Dieses sanfte Spiel mit dem Nichtgeheuren bewegt mich und wie du deine Schimmelreiterkinder übers Eis führst …
(Peter Rühmkorf zu Arbeiten von Harald Gröhler)

Friedenau ist ein literarischer Ort. Mit Berlins Schöneberger Stadtteil sind zahlreiche bekannte Namen wie Günter Grass, Uwe Johnson, Herta Müller, Günter Weisenborn oder Paul Zech verknüpft. In Friedenau lebt Literatur. Nicht nur durch Buchhandlungen, die ihr Repertoire auf bekannte Namen ausrichten, sondern auch durch eine aktive literarische Kultur, die Schriftsteller und Poeten in ihren Zusammenkünften jenseits von Öffentlichkeit pflegen.

Eines dieser Treffen ist der Friedenauer Literaturkreis, dessen wechselnde Mitgliederzahl auf zehn beschränkt bleiben soll. Gegründet wurde der Kreis Anfang 1992 von Claudia Teschner; Mitglieder waren, beziehungsweise sind, neben anderen Tanja Dückers, Ruth Fruchtman und Mitch Cohen. Erwähnung findet der Kreis in Publikationen seiner Mitglieder. Eines dieser Mitglieder möchte KULTURA-EXTRA in Folge 3 dieser Serie vorstellen: Harald Gröhler, der von Anfang an dabei ist.

Heute lebt er in Berlin und gelegentlich in Köln. Der im ehemaligen Bad Warmbrunn, dem heutigen Cieplice Śląskie Zdrój, geborene Niederschlesier studierte in Göttingen, Kiel und Köln Psychologie und Philosophie. Er arbeitete für den WDR und die FAZ, war Pressefotograf, Gastprofessor für Literatur an den Universitäten in Texas und New Mexico, organisierte und moderierte bis 1995 zahlreiche Schriftstellerveranstaltungen und Podiumsdiskussionen. Für das Goethe-Institut leitete er eine Autorenveranstaltung sogar in Ankara.

Harald Gröhler schreibt Lyrik, Prosa und Bühnenstücke. Er publiziert in Anthologien und namhaften Periodika. Seine Beiträge, einst vom RIAS gesendet, werden heute vom WDR, SFB, Bayerischen Rundfunk und von Radio Bremen ausgestrahlt. Er ist Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums und ein Mann der leisen Töne, dessen Stimme stets Gehör findet. Ob auf einer von ihm initiierten Antikriegsveranstaltung mit Exilautoren oder auf Veranstaltungen für Amnesty International: Harald Gröhler mischt sich ein.

Sein Anliegen ist der Appell an den Menschen für den Menschen und seine bedrohte Umwelt. Zeitgeist irritiert ihn nicht. So versucht er auch jenen Zeitgenossen Gehör zu verschaffen, deren gesellschaftliche Existenz sich im Strom der Geschichte gegen den der Meinungsöffentlichkeit ausgerichtet hat.

Er scheute sich nicht, einem Mitarbeiter des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit eine öffentliche Plattform zur Meinungsäußerung zu geben. Ebenso gab er Opfern des MfS mit seinen Interviews eine Möglichkeit zur öffentlichen Darstellung.

So zeichnet Harald Gröhler denn auch in seinem jüngst erschienen Gedichtband WORTHEIMAT das Bild des unangepassten, unruhigen, eigensinnigen und dabei doch harmoniebedürftigen Menschen.

1991 fand sein bürgerliches Engagement mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes die angemessene Anerkennung. Die schriftstellerische Leistung des Dichters Harald Gröhler wurde unter anderen 2010 mit dem Inge Czernik Förderpreis für Lyrik gewürdigt. Dieser 1986 gestiftete Preis ist ein reiner Lyrikpreis, und davon gibt es noch nicht einmal zehn im gesamten deutschen Sprachraum.

Dem Dichter, der in drei Dialekten, dem schlesischen, dem oberfränkischen und dem rheinisch kölnischen, zuhause ist, versucht immer wieder, Umgangssprachliches und Dialektmaterial in die Hochsprache kalkuliert miteinzubringen.

Der Weltenwanderer begnügt sich nicht mit der Theorie. Ihn faszinieren zum Beispiel Weltbild und Sprache der Kinder. Was sie äußern und was sie interessiert, interessiert auch ihn. Und das hat seinen Grund. Er betont, dass Kinder ab ihrem fünften Lebensjahr eine Sprache von höchstem poetischen Reiz entwickeln, in der sich dem aufmerksamen Zuhörer offenbart, wie Kinder ihre Umgebung wahrnehmen und erleben. Mit ihrer Fähigkeit zur Sprache entwickeln sie eine erste Teilhabe an der Welt der Erwachsenen.

Gröhler geht es stets um die Sache, für die sein Herz thematisch schlägt. Auszeichnungen treten ihr gegenüber in die zweite Reihe. Und dort kann solch eine Medaille auch schon einmal in einer U-Bahn liegen bleiben.

Der Wortmeister leiser Töne findet seine Anerkennung in Wertschätzungen, die ihm von Hochkarätern seiner Gilde entgegengebracht werden, wenn sie, wie der Literatur-wissenschaftler Professor Franz Norbert Mennemeier, über ihn schreiben “Die Auguren … behandeln Gröhler wie das rohe Ei einer unbekannten Vogelart; die Verlage beeilen sich, ihm mit reizvoll-originellen Editionen den roten Teppich auszurollen.”

Kommentar und Zusammenstellung: Ekkehard Drefke                                   13.10.2013

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

15Spam-Kommentare bisher blockiert vonSpam Free Wordpress

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>